Geplanter Kaiserschnitt wird zum Alptraum – Sandra’s Geburtsbericht

Als ich im Sommer 2015 den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, fiel ich aus allen Wolken. Zum Einen stand ich mitten im Studium und zum Anderen hatte ich große Sorgen, der Mutterrolle nicht gewachsen zu sein. Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf, doch nie zweifelte ich an dem Dasein meines kleinen Wunders. Bis dato stand für mich auch fest, dass ich auf normalen Wege entbinden werde. Warum auch nicht? Klar würde es schmerzhaft werden, aber jede Mutter schaffte diesen Weg, dieses einschneidende Erlebnis, was alles veränderte.

Vielleicht ging ich damals zu naiv an die ganze Sache Schwangerschaft und Geburt heran, denn für mich gab es in meinen Gedanken weder Komplikationen oder sonst noch etwas.

Dies änderte sich aber sehr schnell in der 28. Schwangerschaftswoche. Zum ersten Mal in meiner bisherigen Schwangerschaft spürte ich Panik und Hoffnung so nah beieinander. Es brachte mich an meine Grenzen, denn ich hatte stressbedingte Wehen. Im Krankenhaus untersuchten sie mich sehr gründlich und Gott sei Dank konnte eine trichterförmige Öffnung des Muttermundes ausgeschlossen werden. Dennoch musste ich viel liegen, bekam Wehenhemmer und musste in den Wochen danach zu strengen, regelmäßigen Abständen des CTG’s.

Mein persönliches Ziel war es die 34. Schwangerschaftswoche zu schaffen.

Warum ich mir gerade diese Woche in den Kopf gesetzt habe, weiß ich bis heute nicht. Zum ersten Mal googelte ich viel und wurde auf mögliche Komplikationen aufmerksam, die zum Ende der Schwangerschaft oder unter der Geburt passieren könnten. Dies war wohl der größte Fehler, den ich damals hätte machen können, denn mein Kopf war immer einen Schritt voraus als mein Körper. Wie durch ein Wunder und nach ganz vielen, sehr bescheidenen CTG’s, sowie die mehrmalige Überlegung ab der 37. Schwangerschaftswoche die Geburt einzuleiten, schaffte ich es bis in die 39. Schwangerschaftswoche. Gedanklich ging es mir viel besser, da meine Tochter vollständig entwickelt war und ich so nun ruhiger der Geburt entgegenblicken konnte. Ich entschied mich jedoch in einem anderen Krankenhaus zu entbinden, in dem auch eine Kinderklinik angeschlossen war. Warum mich damals der Impuls dazu trieb, weiß ich bis heute nicht. Heute weiß ich, dass es genau die richtige Entscheidung war und das Schlimmste verhindert hat.

Da meine Maus für ihre Wochenanzahl sehr groß und schwer berechnet wurde und zudem die Sternguckerposition bevorzugte, entschieden wir uns nach langen Gesprächen, 9 Tage vor dem errechneten Termin, für einen Kaiserschnitt.

Die Gefahr, dass etwas schief gehen könnte, wollten wir minimieren und so bestand für uns nur diese Option.

Ich war ehrlich gesagt sehr froh über diese Entscheidung und bereute den Schritt bis dato auch nicht. Die Gesundheit von Kind und Mutter stehen immer an erster Stelle und nach meinen Notsituationen in der Schwangerschaft, wollte ich kein Risiko mehr eingehen. Ich habe mich nie großartig mit dem Thema Kaiserschnitt auseinandergesetzt. Warum auch. Ich hatte auch nie großartig Sorgen.

Gerade bei einem geplanten Kaiserschnitt würden die Ärzte schon alles richtig machen.

Es ist doch ein Routineeingriff, etwas, was jeden Tag geschieht. Dass ich etwas anderes erleben würde, hätte ich niemals, ansatzweise auch nur geahnt.

Der 5. Februar wurde zum schwärzesten Tag in meinem Leben.

Meine Erinnerungen an diesen Freitagmorgen verblassen mit der Zeit immer mehr. Vielleicht ist das auch gar nicht mal so schlecht. Natürlich war ich an diesem Tag sehr aufgeregt. Es ist merkwürdig in eine Klinik zu fahren und zu wissen, dass man in 2 Stunden Mama ist. Aber ich glaube das gehört einfach dazu. Das ist halt etwas, was man eingeht. Es war ein verregneter, kalter Morgen. Ich wartete lange im Kreißsaal, während ich das OP-Hemd anbekam. Meine größte Angst hatte ich vor dem Legen des Blasenkatheters, was sich letztendlich als Leichtigkeit rausstellte. Da vor mir dann noch ein Notfallkaiserschnitt hereineilte, warteten wir weiterhin. Mein Blick ging immer zur weißen Uhr an der Wand. So langsam stieg meine Unruhe und mein Herz schlug schnell. Wie würde es sich anfühlen plötzlich Mutter zu sein? Wie würde ich meine Maus begrüßen? Würde sie schreien? Würde ich vor Freude weinen? Wie würde sie riechen?

Nach zwei Stunden ging es los. Ich wurde in einen kalten, grauen Vorraum geschoben, dicht begleitet von einer Hebamme, die wirklich sehr nett war. Ich bekam eine Haarhaube auf. Um mir drum war das mobile CTG-Gerät, was ich so verfluchte. Im OP-Saal selber war es freundlicher, wärmer. Vielleicht auch wegen dem grellen Licht und den vielen Leuten. Alle waren offen und freundlich zu mir. Sie versuchten meine Anspannung zu nehmen. Ich rutschte auf eine Pritsche, um mir die Spinalanästhesie geben zu lassen. Mit Katheter und dicken Bauch war bewegen gar nicht so einfach. Erstaunlicherweise merkte ich kaum einen Schmerz. Die Einstichstelle brannte etwas, aber das sollte wohl normal sein. Danach wurde ich an alle Monitore angeschlossen und wartete auf das taube Gefühl meiner Beine. Darauf warte ich übrigens bis heute noch.

Recht schnell merkte ich, dass etwas nicht stimmte.

Ich teilte der Anästhesistin mehrmals mit, dass mein Po gar nicht warm werden würde und dass ich meine Beine bewegen könnte. Wir warteten etwas und holten den Vater meiner Maus in den OP. Ich wurde sichtlich unruhiger. Auch er versuchte mich abzulenken, kämpfte aber mit den Tränen. Von da an weiß ich nun nicht mehr viel.

Ich spürte nur noch einen dumpfen, zerreißenden Schmerz, der sich immer mehr in meinen Bauch bohrte.

Hatten sie ernsthaft angefangen? Es ging weiter. Es wurde schlimmer und ich merkte, wie Hände in meinem Körper verschwanden. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt am lebendigen Leib zu verbrennen, aber einen Kaiserschnitt ohne wirkende Betäubung mitzuerleben, scheint von diesem Gefühl nicht weit entfernt zu sein.

Ich schrie, doch hatte nicht das Gefühl ernsthaft gehört zu werden.

Die Ärzte schoben es auf meine Nervosität. Es könnte nicht sein. Ich täuschte mich. Nun merkte ich, dass ich gefangen war. Niemand glaubte mir. Ausgeliefert. Schutzlos. Das würde ich nicht aushalten. Diese Schmerzen würde ich nicht überleben. Ich merkte nur noch, wie mir schlecht wurde. „Atmen“ sagte ich mir in Gedanken. Ich sprach es gedanklich wie eine Art Befehl aus. Immer wieder. „Atme bloß vernünftig. Deine Maus braucht genug Sauerstoff. Lenke dich ab. Denke an etwas Schönes. Was wurde nochmals in der Uni besprochen?“ Doch der Schmerz wurde nicht weniger. Im Gegenteil. Ich wurde sehr plötzlich, sehr brutal von dem schnell piependen Monitor aus meiner Trance gerissen.

Meine Vitalzeichen sanken immer mehr. Die Ärzte wurden hektisch. PANIK.

Ich konnte es in den Augen sehen. Hier stimmte etwas gewaltig nicht. Ich schrie weiterhin, hatte ich damit je mal gestoppt? Ich flehte die Ärzte an, mir endlich zu helfen und dank der immer schlechter werdenden Sauerstoffsättigung wurden meine Gebete tatsächlich erhört. Der Vater meiner Tochter wurde unsanft aus dem Raum gebracht. Auch er war wie in Trance und wusste nicht was geschieht. Das letzte was ich von ihm sah, war ein schmerzender, stechender Blick in seinen Augen, bevor er gehen musste. Dann sah ich alles an mir vorbeiziehen. Rückwärts. Ganz langsam, wie in einem Film, als wenn man auf eine Repeatknopf gedrückt hätte. Ich kann mich wirklich nur noch an Bruchstücke erinnern, Wortfetzen der Ärzte, die einander austauschten. „Vollnarkose. Sofort. Sauerstoffunterversorgung bei Mutter und Kind“, waren die Worte, die ich noch aufnehmen konnte.

Nein. Das konnte nicht wahr sein. Ich hatte mich bewusst gegen eine natürliche Geburt entschieden und wollte damit eine Sauerstoffsättigung vorbeugen und nun bekam ich eine durch die in meinen Augen beste Lösung? Wie konnte es schief gehen? Warum musste es mir passieren? Ein Kaiserschnitt ist doch ein Routineeingriff! Wie konnte aus einer so geplanten Sache eine so hilflose Notfallsituation werden? Ich merkte nur noch die kühle, schwarze Maske, bevor ich das Bewusstsein verlor.

„Frau B. hören Sie mich“? Eine forsche Stimme riss mich aus meinem Schlaf. Die piepsenden Monitore im Hintergrund zeigten mir, dass ich noch lebte. Das alles gut ist. Ich schloss die Augen. Alles tat mir weh. Mein Bauch. Mein Baby! Wo war meine Maus? Im Hintergrund hörte ich den Vater meiner Tochter weinen. Dies signalisierte mir, dass etwas schlimmes passiert sein müsste. Ich hatte überlebt und sie war gestorben. So musste es sein. Das war für mich klar. Doch wenig später sagte mir die Hebamme, dass alles gut ausgegangen war. Meine Tochter wurde, genauso wie ich, mit Sauerstoff versorgt. Sie war gesund, ihre Werte waren nur aufgrund der kurzen Unterversorgung nicht die besten gewesen. Aber wir würden es schaffen. Wir waren stark.

Alle bemühten sich. Jeder half mit. Ich war aufgrund des Schnittes ans Bett gefesselt und fand mich nur schwer in dem Alltag mit Kind zurecht. Jede Bewegung schmerzte, jedes Husten schmerzte.

Doch wir würden gesund nach Hause kommen. Das gab mir Kraft.

Leider meinte es das Schicksal wieder einmal nicht gut mit uns und schlug zwei Wochen nach der Operation erneut zu. Unerträgliche Kopfschmerzen plagten mich. Kopfschmerzen, die ich als Migränepatientin selbst noch nie in diesem Stadium kannte. Mit dem Verdacht auf eine Thrombose im Kopf kam ich in die Notaufnahme der Neurologie. Schnell jedoch kam die Entwarnung. Ich hatte einen postspinalen Kopfschmerz, der aufgrund der gescheiterten Spinalanästhesie entstanden ist. Mein Rückenmarkshäutchen wurde verletzt und Hirnwasser trat aus. Ich wurde stationär aufgenommen und durfte nur liegen. Die Ärzte entschieden sich für einen weiteren Eingriff, dem sogenannten Blutpatch. Dabei wurde mir Blut abgenommen und vor die verletzte Haut am Rückenmark gespritzt. Das enthaltende Eiweiß hätte wohl eine Klebewirkung und würde die Stelle verheilen lassen. Es war ein schmerzhafter Prozess, doch letztendlich heilte auch das Rückenmark. Was letztendlich nicht heilte, war mein Gemüt. Ich weinte viel und dachte über die letzten Wochen nach.

Körperlich erholte ich mich von dem Schrecken, doch meine Seele trug den Ballast mit sich herum.

Ich verstand nicht warum das mir passieren musste. Ich vermisste die erste Zeit mit meiner Tochter. Ich vermisste den ersten Schrei. Alles geschah ohne mich. Ich war bei der Geburt meiner Tochter nicht dabei. Und das quälte mich. Ich wollte reden. Ich musste darüber reden. Doch mit wem? Niemand verstand meine Sorgen. Es war doch alles gut. Wir hatten doch alles geschafft. Aber nein. Nichts war gut.

Die Gesellschaft erwartet eine strahlende Mama. Und das war ich damals nicht.

Es brauchte einige Zeit bis ich verstand, dass ich eine traumatische Erfahrung im OP miterleben musste. So redete ich viel mit meiner Mutter, meiner Hebamme und fand letztendlich die innere Akzeptanz durch ein Kaiserschnittseminar in Köln, durch dass ich im Fernsehen aufmerksam wurde. Plötzlich war ich nicht alleine. Ich merkte, wie viele Frauen schlimme Dinge im OP-Saal miterleben mussten.

Ich war nur ein Schicksal von vielen, eine Stimme von vielen. Eine Geschichte von vielen. Und das gab mir Mut. 

Heute weiß ich, dass vieles dort nicht richtig gelaufen ist. Im OP. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Uns geht es gut. Meine Tochter wächst zu einem strahlenden kleinen Mädchen heran und meine Narbe verblasst immer mehr. Ich habe gelernt damit zu leben, dass ich bei der Geburt nicht dabei war. Es hat einige Zeit und Kraft gekostet, aber es hat mich stark gemacht. So unglaublich stark.

Sandra / @sannybie

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