Ist mein Kind ein „LATE TALKER“?

Vor einigen Wochen bin ich beim Lernen für ein sprachpädagogisches Seminar über diesen Begriff gestolpert – LATE TALKER.

*Werbung|Erfahrungsbericht

 

Die Linguistik begleitet mich bereits seit vier Jahren in der Uni. Über den kindlichen Spracherwerb hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt schon viel gelernt. Schließlich wollte ich Lehrerin für Deutsch werden, sodass ich auch wissen muss, wie das Erlernen der Sprache funktioniert.

Sprachentwicklung in der frühen Kindheit

Da ich unabhängig von meinem Wissen über die Sprachentwicklung in der frühen Kindheit mein eigenes Kind jeden Tag beobachten kann, machte ich mir vor einigen Wochen große Sorgen. Zwar lernte meine Tochter recht früh das Wort „Mama“ und setzte es auch eine Zeit lang gezielt ein, doch irgendwann nach dem ersten Geburtstag sagte sie es nicht mehr. Zwischendurch kamen Wörter oder besser gesagt Laute wie „Papapa“, „Nein“, „Hey“, „Lalela“ … doch nachsprechen wollte Diana nichts.

Wer kennt es nicht als Eltern…fast jeden Tag wird man von irgendjemanden gefragt „Na, kann sie/er auch schon sprechen?“. Meine Antwort lautet dann immer „NEIN, NOCH nicht“. „Aber Mama und Papa sagt sie doch,…oder?“ „Ähhmmm…“

In diesem Moment fühle ich mich oft peinlich berührt. Nicht weil mein Kind noch nicht sprechen gelernt hat, sondern weil ich, als ihre Mutter, vielleicht versagt habe?! Was mache ich bloß falsch? Habe ich mein Kind nicht genügend gefördert? Schuldgefühle tauchen auf und ich verzweifle jeden Tag mehr und mehr.

Zweisprachigkeit

Dann lese ich in einer Zeitschrift für Mütter darüber, dass Kinder, die zweisprachig aufwachsen, häufig erst später anfangen zu sprechen. Puuuhhhh….einmal ausatmen bitte. Kurze Erleichterung. Ja es liegt bestimmt daran, dass ich mit meiner Tochter sowohl auf Deutsch, als auch auf Russisch spreche. Schließlich ist der ‚Input‘ dadurch größer und sie muss doppelt so viel verarbeiten, bis der ‚Output‘ kommen kann. So die Theorie. Zumindest diese Theorie. Denn wie sich herausstellen sollte, gibt es Theorien, die diese widerlegen. (Und ja ich weiß, dass auch gesagt wird, Sprachen sollten personenbezogen sein, aber mein Mann spricht kein Russisch und verbringt wegen der Arbeit wenig Zeit mit unserer Tochter. Daher muss ich mit Diana beide Sprachen sprechen; Oma und Opa sieht sie leider auch zu selten.)

Das sagt die Kinderärztin

Ich fragte dennoch bei unserer Kinderärztin nach…kann schließlich nicht schaden. Denn die Angst vor der U7 überrollt mich schon. Hier wird nämlich die Sprachentwicklung (um den zweiten Geburtstag herum) näher untersucht und es muss mir kein Arzt sagen, dass meine Tochter in ihrer sprachlichen Entwicklung verzögert ist…das weiß ich nämlich selbst. Doch mich interessiert der GRUND. Und wie wir ihr helfen können oder überhaupt helfen sollten.

Die Kinderärztin beruhigte mich. Laut ihr sollte man noch abwarten, denn mit 21 Monaten sei es noch zu früh darüber zu urteilen, ob eventuell Therapiebedarf bestehe. Ihrer Meinung nach könnte es einerseits an der Zweisprachigkeit liegen, andererseits aber auch daran, dass Diana zu „sturr“ sei. Sie ist nämlich alles andere als „sprechfaul“. Ja, womöglich ist sie zu sturr das nachzusprechen, was wir von ihr ‚verlangen‘. Denn „sprechen“ kann sie sehr gut und sehr viel…nur eben auf ihrer eigenen Sprache.

Der Begriff „Late Talker“

Nun tauchte jedoch dieser Begriff in meinen Lernunterlagen auf. LATE TALKER. Es interessierte mich plötzlich brennend, was dahinter steckt.

Nach dem ersten Lesen war ich jedoch schockiert. Es hieß doch tatsächlich, dass alle Kinder, die bis zum Alter von 2 Jahren weniger als 50 Wörter beherrschen und/oder keine Zweiwortäußerungen produzieren, zu den sogenannten „Late Talkern“ gehören (vgl. Grimm&Doil, 2000).

Laut dieser Definition ist mein Kind eindeutig ein Late Talker. Es sind nur noch 2 Wochen bis zu ihrem zweiten Geburtstag und sie sagt lediglich ab und zu Mama, Papa und das beliebte Wort Nein….weit entfernt von 50 Wörtern!

Mir reichten die Informationen in meinen Seminarunterlagen nicht aus, denn hier sollte der Begriff nur kurz definiert und erläutert werden. Da ich jedoch sofort mehr darüber wissen wollte, musste Google helfen. So unendlich viel Unsinn im Internet. Es hat einige Zeit gedauert bis ich eine hilfreiche und seriöse Broschüre zum Thema Late Talker gefunden hatte. Dabei handelt es sich um Informationen für Eltern und andere Interessierte von der Diplom-Psychologin Anke Buschmann und dem Zentrum für Entwicklung und Lernen Heidelberg (ZEL).

Für diejenigen, die gerne selber nachlesen möchten, kann ich die Broschüre nur empfehlen. Wer möchte, kann auch HIER (Broschüre als PDF) gerne weiterlesen.

Informationen & Tipps für Eltern 

Ich möchte ein paar Informationen kurz zusammenfassen, die für mich persönlich sehr hilfreich gewesen sind.

1) Bei ungefähr 15 % der Kinder ist der Spracherwerb verlangsamt. In anderen Bereichen sind diese Kinder altersgerecht entwickelt. Zwischen 10 und 12 Monaten sagen sie ihre ersten Wörter wie „Mama“ und „Papa“, aber danach kommen monatelang kaum neue Wörter hinzu. Im Gegensatz zu anderen Kindern kommunizieren sie viel mit Mimik und Gestik oder auch Kindersprache. (Vgl. Buschmann)

—> Diese Beobachtungen haben wir auch bei unserer Tochter festgestellt. Ihre Mimik und Gestik ist stark ausgeprägt, was sie von vielen Kindern in ihrem Alter unterscheidet.

2) Es gibt typische Merkmale für Late Talkers (=Spätsprecher). Aber es müssen nicht alle zutreffen. (Vgl. Buschmann)

—> Viele dieser Merkmale treffen bei unserer Tochter nicht zu. Merkmale wie kleiner Wortschatz und fehlende Wortkombinationen treffen zu. Sie versteht jedoch Wörter und Sätze, zeigt Interesse an Bildern und Büchern, kommuniziert viel mit Mimik und Gestik und nimmt Blickkontakt auf.

3) Man sollte sich vor Augen halten: Late Talkers können den sprachlichen Rückstand bis zum 3. Geburtstag von ganz alleine aufholen! (Vgl. Buschmann)

—> Auch unsere Kinderärztin spricht davon, dass manche Kinder von heute auf morgen losreden. Diese Kinder, bei denen ‚Der Knoten platzt‘, nennt man auch „Late Bloomer“ (=Spätblüher, Spätzünder). Sie entwickeln sich i.d.R. weiterhin sprachlich gut. (Vgl. Buschmann)

4) Es gibt nur einen Faktor im Alter von zwei Jahren, mithilfe dessen man Aussagen darüber machen kann, ob ein Late Talker langfristige Sprachprobleme haben wird: Nicht nur das wenig sprechen, sondern Probleme beim Verstehen von Wörtern und Sätzen. Hier sollten die sprachlichen Fähigkeiten von Fachpersonal untersucht werden. (Vgl. Buschmann)

—> Bis zum 2. Geburtstag werden wir warten. Bisher vermittelt unsere Tochter das Gefühl, dass sie uns gut versteht.

5) Die Ursachen für Late Talker sind nicht eindeutig geklärt. Es gibt Vermutungen, dass genetische Grundlagen bestehen. (Vgl. Buschmann)

—> Diese sind bei uns in den Familien nicht bekannt.

Häufig liegt das Problem nicht beim Denken, sondern an einer Schwäche in der Verarbeitung von Sprache. Dabei können auch Hörprobleme eine Ursache darstellen. Hier sollte unbedingt die Hörfähigkeit überprüft werden. (Vgl. Buschmann)

—> Hörtest wurde kurz nach der Geburt gemacht und war in Ordnung.

6) Ein Kind ist von sich aus nicht faul zum Sprechenlernen! (Vgl. Buschmann)

—> Unsere Tochter ‚redet‘ den ganzen Tag! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder einen großen Mitteilungsbedarf haben und diesen auch versuchen sprachlich darzulegen.

7) Mehrsprachige Kinder sprechen mit zwei Jahren genauso gut wie einsprachige Kinder.

—> Diese Aussage würde die Vermutung widerlegen, dass unsere Tochter aufgrund der Zweisprachigkeit nicht spricht.

8) Es zählt stets die Gesamtentwicklung eines Kindes. Eine Sprachverzögerung kann ein Zeichen für andere Erkrankungen sein. Dies sollte mit dem Kinderarzt/ der Kinderärztin besprochen werden. Ist das Kind alt genug für einen Sprachentwicklungstest, kann dieser von einer Fachperson durchgeführt werden. (Vgl. Buschmann)

—> Dafür müssen wir noch Geduld haben. Nach der U7 wissen wir mehr.

9) Sprechen lernt man am besten durch Sprechen! Daher sollten Eltern ausreichend Sprachanlässe im Alltag einbauen: beim Wickeln, Baden, Spazieren gehen, gemeinsam singen, einkaufen, miteinander essen, ins Bett bringen, Bücher zusammen anschauen, beim Spielen und bei Haushaltstätigkeiten, wenn das Kind helfen möchte. (Vgl. Buschmann)

—> Wir achten sehr darauf, viel mit unserer Tochter zu sprechen.

10) Man muss dem Kind genug Gelegenheit zum selbst reden geben. Spricht man die meiste Zeit, hat das Kind keine Möglichkeit in einer Gesprächssituation das Sprechen zu üben. (Vgl. Buschmann)

—> Dieser Hinweis hat uns sehr geholfen. Uns ist aufgefallen, dass wir oft ‚zu viel‘ mit Diana sprechen, sodass sie wenig zu Wort kommt. Nun hören wir viel bewusster zu und warten ab.

11) Das Kind muss Spaß am Kommunizieren haben und es muss sich verstanden fühlen. (Vgl. Buschmann)

—> Dieser Aspekt ist mir besonders wichtig und darauf wird auch immer geachtet.

Heidelberger Elterntraining zur frühen Sprachförderung

Wer mehr über das Thema „Late Talker“ wissen möchte und vor allem wie man das eigene Kind im Alltag sprachlich fördern kann, hat die Möglichkeit am Heidelberger Elterntraining zur frühen Sprachförderung teilzunehmen. (siehe Broschüre)

Ich hoffe, ich konnte allen interessierten Müttern und Vätern einen Einblick in dieses spannende Thema geben. Mit diesem Blogpost möchte ich vor allem zeigen, dass man als Eltern sich keine Sorgen machen muss, falls das eigene Kind lange Zeit nicht sprechen lernt. Ich habe aufgehört mich verrückt zu machen und nutze die vielen hilfreichen Fördermaßnahmen nun noch intensiver und achte mehr darauf, meinem Kind viele Gelegenheiten zum Sprechen zu geben und nicht darauf zu bestehen, dass es uns nachspricht. Denn das wichtigste ist zur Zeit, dass wir unsere Tochter trotz alledem verstehen und sie in erster Linie ernst nehmen und gemeinsam Freude an der Kommunikation haben.

Geduld ist hier das A und O 😉

♡ In Liebe, Leni ♡ XOXO

1 Comment

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  1. 1
    Koboldkinder

    Huhu! Meine Zwillinge sind auch Lage Halber, meine Große hat allerdings trotz Bilingualität früh gesprochen. Allerdings haben wir die Sprachen auf die Elternteile aufgeteilt – one parent, one language. Das war mir wichtig, damit das Kind merkt, okay, das ist verschieden, nicht ein großes Mischmasch.
    LG
    Peikko von den Koboldkindern

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